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Presseerklärung

Die Retter der Berliner Musik

Initiative Berlin-Musik-Museum e.V. sucht Unterstützung für Archivierung, Aufbereitung und Präsentation zeitgeschichtlicher Dokumente

Der Umgang mit der Ber­li­ner Musik­ge­schich­te steht im völ­li­gen Gegen­satz zur Attrak­ti­vi­tät von Musik und zum welt­wei­ten Inter­es­se an der Stadt. Was fehlt, ist eine Insti­tu­ti­on, die Doku­men­ta­ti­on, For­schung, Archi­vie­rung und Prä­sen­ta­ti­on unter einem Dach ver­eint. Des­halb haben sich eini­ge Ber­li­ner Musik­wis­sen­schaft­ler, Musi­ker, Kom­po­nis­ten und ande­re Bür­ger zu einem gemein­nüt­zi­gen Ver­ein zusam­men­ge­schlos­sen, der das Ziel ver­folgt, ein Ber­lin-Musik-Muse­um zu grün­den — ein Muse­um, das mit ande­ren Ber­li­ner Kul­tur­ein­rich­tun­gen koope­riert, das neue Wege in der Prä­sen­ta­ti­on his­to­ri­scher Musik geht und das ein brei­tes Publi­kum von Ber­li­nern und Tou­ris­ten anspricht.

Das ist ein Vor­ha­ben von nicht gerin­gen Dimen­sio­nen. Ein Vor­ha­ben, das Enga­ge­ment, Orga­ni­sa­ti­on und Finan­zen erfor­dert. Des­halb suchen wir Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die uns durch Bera­tung und durch Unter­stüt­zung bei der Mit­tel­be­schaf­fung zur Sei­te ste­hen“, erklärt die Ver­eins­vor­sit­zen­de Gabrie­le Ber­lin.

Tom Thiet, Katha­ri­na Thal­bach, Gabrie­le Ber­lin (v.l.n.r.)
bei einer Pres­se­kon­fe­renz im Renais­sance-Thea­ter,
Foto: © Initia­ti­ve Ber­lin-Musik-Muse­um

Gera­de in Ber­lin waren die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Musik und Zeit­geist, Musik und Poli­tik oft am deut­lichs­ten spür­bar. Daher ist nichts nahe­lie­gen­der, als die Geschich­te der Stadt anhand ihres Musik­le­bens zu erzäh­len — vom Gas­sen­hau­er über Oper, Ope­ret­te und Kaba­rett bis zu zeit­ge­nös­si­schen For­men. Doku­men­ta­tio­nen und For­schun­gen zur Ber­li­ner Musik­ge­schich­te sind aller­dings bis­lang in der Regel punk­tu­ell und ohne brei­te­re Öffent­lich­keits­wirk­sam­keit. Beson­ders eini­ge Berei­che der musi­ka­li­schen Volks­kul­tur wer­den kaum berück­sich­tigt. Doch gera­de hier kommt das Ber­li­ni­sche oft am deut­lichs­ten zum Aus­druck, wie zum Bei­spiel beim Gas­sen­hau­er, in dem mit Ber­li­ner Herz und Schnau­ze das aktu­el­le Zeit­ge­sche­hen kom­men­tiert wur­de.

Von den ohne­hin weni­gen his­to­ri­schen Samm­lun­gen ging ein gro­ßer Teil in den Krie­gen ver­lo­ren. Das spär­li­che über­lie­fer­te Mate­ri­al, das sich heu­te in städ­ti­schem Besitz befin­det, ist über meh­re­re Insti­tu­tio­nen ver­teilt, wo es oft unauf­be­rei­tet und unka­ta­lo­gi­siert in den Archi­ven ver­staubt. Und jetzt droht auch noch der Ver­lust vie­ler letz­ter Pri­vat­samm­lun­gen und Fami­li­en­ar­chi­ve, wenn ihre meist schon hoch betag­ten Besit­zer ster­ben. Denn den Erben ist die kul­tur­his­to­ri­sche Bedeu­tung des Mate­ri­als meist nicht bewusst.

Dass etwas unter­nom­men wer­den muss, zeigt die Reso­nanz, die der Ver­ein schon jetzt bekommt. Eine wert­vol­le Samm­lung wur­de ihm bereits durch Schen­kung über­eig­net. Die Geschich­te dazu ist bezeich­nend: In einem Kel­ler wur­den meh­re­re Kis­ten mit Schall­plat­ten, Ton­bän­dern, Fotos und Papie­ren aus dem Archiv eines auf­ge­lös­ten Ber­li­ner Musik­ver­lags vor­ge­fun­den. Das gesam­te Mate­ri­al stammt aus dem Nach­lass des Kom­po­nis­ten Hei­no Gaze, der eine her­aus­ra­gen­de Rol­le in der Unter­hal­tungs­mu­sik der Nach­kriegs­zeit spiel­te. 1945 über­nahm er für eini­ge Jah­re die Lei­tung des berühm­ten Kaba­retts der Komi­ker in Ber­lin, in dem in den 1920er Jah­ren vie­le Ber­li­ner Ori­gi­na­le auf­ge­tre­ten sind wie Lot­te Werk­meis­ter, Tru­de Hes­ter­berg und Clai­re Wal­d­off. In den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren wur­de Gaze durch zahl­rei­che Schla­ger bekannt. Noch heu­te ken­nen vie­le Men­schen das Lied „La-Le-Lu“, das er für Heinz Rüh­mann geschrie­ben hat.

Wei­te­re Samm­lun­gen sol­len über­eig­net wer­den, sobald der Ver­ein über ent­spre­chen­de Räum­lich­kei­ten ver­fügt. Dar­un­ter befin­det sich ein hoch­wer­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches Ton­ar­chiv, das die Ent­wick­lung tür­ki­scher Musik in Ber­lin in den letz­ten vier Jahr­zehn­ten doku­men­tiert. Es ent­hält Auf­nah­men und Ana­ly­sen einer Ber­li­ner Musik­eth­no­lo­gin, deren Vater bereits als ein bekann­ter Kom­po­nist von Unter­hal­tungs­mu­sik eine Rol­le im Ber­li­ner Musik­le­ben gespielt hat.

Die Bei­spie­le zei­gen, dass es in pri­va­ten Hän­den noch musik­his­to­risch rele­van­tes Mate­ri­al unter­schied­li­cher Art gibt. Die­ses bedarf einer ange­mes­se­nen Unter­brin­gung, Auf­ar­bei­tung und öffent­lich­keits­wirk­sa­men Prä­sen­ta­ti­on. Gleich­zei­tig muss fort­lau­fend doku­men­tiert wer­den, um das gegen­wär­ti­ge musi­ka­li­sche Zeit­ge­sche­hen für zukünf­ti­ge Genera­tio­nen fest­zu­hal­ten. Denn ohne fach­ge­rech­te Doku­men­ta­ti­on ist das gesell­schaft­li­che Gedächt­nis kurz­le­big.

Des­halb ist es völ­lig unver­ständ­lich, dass in Ber­lin bis­her kei­ne zen­tra­le Sam­mel- und Pfle­ge­stät­te für die städ­ti­schen Musik­for­men exis­tiert. In der viel­fäl­ti­gen Muse­ums­land­schaft Ber­lins ist von A bis Z fast alles ver­tre­ten — vom Alli­ier­ten-Muse­um über das Bota­ni­sche Muse­um, Cur­ry­wurst­mu­se­um, DDR-Muse­um, Ener­gie-Muse­um und Feu­er­wehr­mu­se­um bis zum Zucker-Muse­um. Etwa 176 Muse­en und Samm­lun­gen infor­mie­ren über zahl­rei­che Aspek­te der gesam­ten Welt­ge­schich­te. Aber es gibt kein ein­zi­ges Muse­um, Archiv oder Insti­tut, das sich mit dem Musik­le­ben der Stadt in Geschich­te und Gegen­wart befasst. „Sind doch Melo­di­en und Lie­der wie die „Ber­li­ner Luft“, „Es war in Schö­ne­berg im Monat Mai“ oder die berühm­te „Han­ne­lo­re vom Hall’schen Tore“ min­des­tens so viel wert wie Cur­ry­wurst, Feu­er­wehr und Grün­der­zeit­mö­bel“, so Gabrie­le Ber­lin.

Zusam­men mit einem hoch­ka­rä­ti­gen Künst­ler­team hat der Ver­ein bereits ein Kon­zept für eine Aus­stel­lung zum Ber­li­ner Lied von 1871 bis 1933 erstellt. Inner­halb eines Gesamt­kunst­werks aus Raum­ge­stal­tung, Kom­po­si­ti­on und Film­pro­jek­tio­nen sol­len his­to­ri­sche Lie­der aus der Zeit von der Ernen­nung Ber­lins zur Reichs­haupt­stadt bis zum Ende der Wei­ma­rer Repu­blik prä­sen­tiert wer­den.

Die Ret­tung kul­tur­his­to­ri­scher Zeug­nis­se wie der erwähn­ten Samm­lun­gen und der Auf­bau eines Ber­lin-Musik-Muse­ums bedür­fen aber der Mit­wir­kung vie­ler. Der Ver­ein hat bereits die ide­el­le Unter­stüt­zung wis­sen­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen, wie des Natio­nal­ko­mi­tees Deutsch­land des Inter­na­tio­nal Coun­cil for Tra­di­tio­nal Music, einer UNESCO NGO. Doch er braucht auch die Unter­stüt­zung der Men­schen vor Ort: von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, die dem Ver­ein ihre Samm­lun­gen anver­trau­en, ihn bei der Suche nach geeig­ne­ten Räum­lich­kei­ten unter­stüt­zen oder durch finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen sei­ne Arbeit sicher­stel­len.