Vom Hinterhof zum Kabarett


VOM HINTERHOF ZUM KABARETT

Ber­li­ner Volks­sän­ge­rin­nen

Gabrie­le Ber­lin

1. Zum Begriff „Ber­li­ner Volks­sän­ge­rin“ und zur Quel­len­la­ge

Als Volkssänger/innen wur­den die humo­ris­ti­schen Volkskünstler/innen bezeich­net, die seit etwa der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts bis zum 2. Welt­krieg in den Gar­ten­lo­ka­len der Arbei­ter­be­zir­ke und der Vor­or­te vie­ler Groß­städ­te auf­tra­ten. Sie tru­gen mund­art­li­che Cou­plets (Stro­phen­lie­der) vor, deren Tex­te sich vor allem auf loka­le The­men bezo­gen. Nur weni­ge Volkssänger/innen erlang­ten auch eine über­re­gio­na­le Bedeu­tung, wie etwa Karl Valen­tin und Liesl Karl­stadt.

Auch in den Vor­or­ten Ber­lins ent­stan­den seit Beginn des 19. Jahr­hun­derts immer mehr Aus­flugs­lo­ka­le, in denen die wäh­rend der Indus­tria­li­sie­rung rasant wach­sen­de Bevöl­ke­rung Erho­lung von ihrem tris­ten All­tag in den Fabri­ken und den engen Miets­ka­ser­nen­vier­teln such­te. Zunächst gab es dort zur Unter­hal­tung nur Tanz­ver­an­stal­tun­gen mit Zieh­har­mo­ni­ka- oder Lei­er­kas­ten­be­glei­tung. Dazu kamen bald Kon­zer­te von Mili­tär­ka­pel­len, mit einem brei­ten Reper­toire von Mär­schen und Ope­ret­ten­me­lo­di­en bis zu klas­si­schen Instru­men­tal­stü­cken. Seit der Locke­rung der Ver­ga­be von Thea­ter­kon­zes­sio­nen im Revo­lu­ti­ons­jahr 1848 wur­den auch Volks­stü­cke auf­ge­führt, ins­be­son­de­re Ber­li­ner Pos­sen. Doch der eigent­li­che Auf­schwung kam erst 1869 mit der all­ge­mei­nen Gewer­be­frei­heit. Nun wur­de abends ein umfang­rei­ches Spe­zia­li­tä­ten-Thea­ter gebo­ten, eine frü­he Form des Varie­tés, wo neben Artis­ten und Komi­kern auch Sän­ge­rin­nen auf­tra­ten, die auf den Pro­gramm­zet­teln als Sou­bretten, Kos­tüm-Sou­bretten, Chan­so­net­ten und Vor­trags­künst­le­rin­nen ange­kün­digt wur­den.

Der Begriff Volkssänger/in taucht auf den Pro­gramm­zet­teln nicht auf, obwohl eini­ge der Künstler/innen sicher der oben genann­ten Defi­ni­ti­on ent­spre­chen. Auch in den bis­her gesich­te­ten Akten zur Ver­ga­be von Künst­ler­schei­nen, der spär­li­chen Lite­ra­tur zur volks­tüm­li­chen Musik Ber­lins und den weni­gen über­lie­fer­ten Augen­zeu­gen­be­rich­ten und wird der Begriff nicht erwähnt.1) Dar­aus lie­ße sich schlie­ßen, dass er in Ber­lin kaum gebräuch­lich war. Aber ein als Ber­li­ner Volks­sän­ger bezeich­ne­ter Künst­ler ist die Titel­fi­gur des 1931 ver­öf­fent­lich­ten Romans Käse­bier erobert den Kur­fürs­ten­damm, der den Ber­li­ner Pres­se- und Kul­tur­be­trieb der spä­ten Wei­ma­rer Repu­blik por­trä­tiert.2) Käse­bier wird dort außer­dem als Chan­son­sän­ger eines Volks­ka­ba­retts bezeich­net, das in der Hasen­hei­de auf­tritt. Die Hasen­hei­de – heu­te ein Volks­park im Stadt­be­zirk Neu­kölln – war damals die größ­te Ver­gnü­gungs­mei­le der ärme­ren gesell­schaft­li­chen Schich­ten Ber­lins. Auf dem Gelän­de des bis 1920 noch außer­halb der Stadt gele­ge­nen, ehe­ma­li­gen kur­fürst­li­chen Hasen­ge­he­ges hat­ten sich zahl­rei­che Gast­wirt­schaf­ten ange­sie­delt, die über Gar­ten­lo­ka­le und über Saal­bau­ten für den Win­ter­be­trieb ver­füg­ten.

In der zeit­ge­nös­si­schen bür­ger­li­chen Kri­tik wur­de eher her­ab­las­send über die Som­mer­büh­nen berich­tet. So schrieb der Thea­ter­kri­ti­ker Paul Lin­se­mann 1897: „Ein unför­mi­ger dicker Komi­ker trägt asth­ma­tisch sei­ne witz­lo­sen Cou­plets vor […] dann eine Sou­bret­te, die kei­ne Bewe­gung und kei­ne Stim­me hat und durch eini­ge Zoten die­se Man­kos wie­der gut zu machen trach­tet, wor­über der fre­ne­ti­sche Bei­fall der vor Won­ne schmat­zen­den Banau­sen jubelnd quit­tiert.“3) Die­se Hal­tung trug dazu bei, dass die volks­tüm­li­che Ber­li­ner Musik kaum doku­men­tiert wur­de und bis heu­te sel­ten Gegen­stand musik­wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen ist. Den­noch haben eini­ge außer­ge­wöhn­li­che Frau­en, die als Ber­li­ner Volks­sän­ge­rin bezeich­net wer­den kön­nen, Spu­ren hin­ter­las­sen. Drei davon wer­den im Fol­gen­den vor­ge­stellt.

2. Ber­li­ner Volks­sän­ge­rin­nen und Ber­li­ner Ori­gi­na­le

2.1. In den Hin­ter­hö­fen

Im wei­te­ren Sinn lie­ße sich bereits die 1829 in Pots­dam gebo­re­ne Har­fe­nis­tin Lui­se Schulz als Volks­sän­ge­rin betrach­ten. Sie kam blind zur Welt und erlang­te erst durch eine Ope­ra­ti­on etwas Seh­kraft. Schon als Kind muss­te sie den Lebens­un­ter­halt für sich und ihre Eltern durch Sin­gen ver­die­nen. Ein Offi­zier wur­de auf ihre gute Stim­me auf­merk­sam und för­der­te sie durch Gesangs­un­ter­richt. Nach dem Tod der Eltern hei­ra­te­te sie den Pup­pen­spie­ler Emil Nord­mann und trat mit ihm in einem Wan­der­thea­ter auf.

Als der Mann und ihre bei­den Kin­der 1871 an Tuber­ku­lo­se star­ben, zog Lui­se Nord­mann nach Schö­ne­berg, das damals noch ein Vor­ort Ber­lins war. Seit­dem sang sie in den Ber­li­ner Hin­ter­hö­fen, wo sie bald unter dem Namen Har­fen­ju­le bekannt wur­de. Zu ihrem Reper­toire sol­len Volks­lie­der, Küchen­lie­der und Salon­stü­cke gehört haben. Erst in den letz­ten Lebens­jah­ren erhielt sie eine beschei­de­ne Unter­stüt­zung von der Armen­kom­mis­si­on.

Abbil­dung 1: Har­fen­ju­le

Die Har­fen­ju­le gilt als Ber­li­ner Ori­gi­nal. Hein­rich Zil­le zeich­ne­te sie und Kla­bund wid­me­te ihr einen Gedicht­band. Als sie 1911 im Alter von 82 Jah­ren starb, wur­de sie auf einem Pro­mi­nen­ten­fried­hof in Lich­ter­fel­de beer­digt. Weil das Grab im 2. Welt­krieg zer­stört wur­de, setz­te ihr 1969 eine Pri­vat­in­itia­ti­ve einen Gedenk­stein.4)

2.2. Auf den Som­mer­büh­nen

Eine Volks­sän­ge­rin im übli­chen Sinn war Mar­ga­re­te Wie­de­cke. Es wird ver­mu­tet, dass sie 1874 in Ber­lin gebo­ren wur­de. Über ihr Pri­vat­le­ben ist heu­te nichts mehr bekannt. Sie trat in ver­schie­de­nen Volks­thea­tern und Gar­ten­lo­ka­len der Stadt und der Vor­or­te auf. Den Büh­nen­jahr­bü­chern lässt sich ent­neh­men, dass sie Enga­ge­ments am Deutsch-Ame­ri­ka­ni­schen Thea­ter (1905), am Bern­hard-Rose-Thea­ter (1907) und am Komö­di­en­haus (1911) hat­te.5) Ab 1922 ver­lie­ren sich ihre Spu­ren. Es ist ledig­lich bekannt, dass sie 1940 starb.

Mar­ga­re­te Wie­de­cke stand in der Tra­di­ti­on der Alt­ber­li­ner Pos­sen und ihrer Cou­plets. Zu ihrem Reper­toire gehör­ten aber auch Ber­li­ner Tanz-, Trink- und Marsch­lie­der sowie Ope­ret­ten­schla­ger von Paul Lincke, Vic­tor Hol­la­en­der, Wal­ter Kol­lo, Rudolf Nel­son und ande­ren Kom­po­nis­ten, die den Lied­typ der Unter­hal­tungs­mu­sik der Zeit präg­ten. Sie sang Tex­te von Har­ry Sen­ger, Juli­us Freund, Wil­helm Lin­de­mann, Har­ry Wald­au und wei­te­ren zu der Zeit belieb­ten Autoren, schrieb aber auch vie­le Lie­der selbst. Die The­men stam­men aus dem Lebens- und Lie­bes­all­tag ihres Publi­kums – wie bei den Lie­dern Ern­te­fest in der Lau­ben­ko­lo­nie, Komm mit ins Affen­haus, Mein Otto hat ’ne Flö­te – oder bezie­hen sich auf tages­po­li­ti­sche Ereig­nis­se – wie Der 9 Uhr Laden­schluss, Der Haupt­mann von Köpe­nick, Der Nackt­tanz­pro­zess, Bör­sen-Duett und Arbeits­lo­sen­de­mons­tra­ti­on.

Mar­ga­re­te Wie­de­cke gehör­te zu den bekann­tes­ten und mar­kan­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten des humo­ris­ti­schen Gen­res in Ber­lin und zu den ers­ten Sän­ge­rin­nen, deren Lie­der auf Schel­lack-Plat­ten gepresst wur­den. Doch obwohl anschei­nend mehr als 400 Auf­nah­men ver­öf­fent­licht wur­den, sind heu­te nur noch weni­ge in den Archi­ven zu fin­den. Eine davon ist das Lied Platz da, jetzt kommt Gre­te, das wahr­schein­lich zuerst 1905 von der Fir­ma Anker her­aus­ge­ge­ben wur­de.6) Wie sich einer Zen­sur-Akte des Poli­zei-Prä­si­di­ums Char­lot­ten­burg ent­neh­men lässt, wur­de 1909 eine Auf­füh­rung die­ses Lieds im Restau­ra­ti­ons­be­trieb des Zoo­lo­gi­schen Gar­tens nicht geneh­migt.7) Der in der Akte abge­hef­te­te Text ist mit dem Text der Ton­auf­nah­me fast iden­tisch, nur dass hier die Ber­li­ner Mund­art deut­lich gemil­dert ist:

Platz da, jetzt kommt Gre­te

Ich muss in Wochen­ta­gen
Bei mei­ner Arbeit mich
Abschin­den nur und pla­gen,
Mich rackern fürch­ter­lich.
In einer ewi­gen Rage
So fuhr­werk ich durch’s Haus
In mei­ner Haus-Kle­da­ge
Seh ich dann scheuss­lich aus!
Doch wenn der Sonn­tag kommt her­an
Und ich zum Tanz will gehen,
Fein mach ich Toi­let­te dann;
Dann solln Sie blos mal sehn!
Mein lan­ges Schlepp­kleid macht sich gut,
Lack­stie­fel feins­ter Sor­te
Dazu mein gro­ßer Feder­hut, -
Famos mit einem Wor­te.

Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!
Und so tret ich ohne Tadel
Wie’ne Grä­fin aus dem Haus,
Jeder denkt, sie ist von Adel,
Und die Nach­barn rufen aus:
Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!

Ich hab zwar sonst nen Dal­les,
Doch mach ich immer­zu
Als Mäd­chen mir für Alles
So man­chen Gro­schen Schmuh,
Weil ich an jeder Ware stets etwas pro­fi­tir,
Denn alles Klein­geld spa­re
Ich auf den Sonn­tag mir!
Obs reg­nen dann, obs hageln mag,
Da mach ich mir nichts draus,
Ich fahr am Sonn­tag Nach­mit­tag
Doch flott nach Trep­tow naus
Da stehn und war­ten schon auf mir
Ver­schie­de­ne Ver­eh­rer,
Ein Musi­kant, eine Gre­na­dier
Ein Kut­scher und ein Leh­rer.

Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!
Und so wirb­le ich am Arme
Aller Tän­zer durch den Saal,
Krieg ich auch im Men­schen­schwar­me
Püf­fe, Stö­ße ohne Zahl!
Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!

Doch mit dem äus­se­ren Glan­ze
Wird’s bald bei mir sehr knapp;
Gewöhn­lich tritt beim Tan­ze
Mir Karl die Schlep­pe ab.
Das fei­ne Schmie­gen, Wie­gen
Er dreht mich rum wie dumm
Daß mei­ne Haa­re flie­gen
In der Nach­bar­schaft her­um
Doch dar­um wird nicht lang gekohlt,
Ich, das wär schö­ner noch!
Wenn auch mein Zeug der Teu­fel holt
Getanzt wird dar­um doch!
Inzwi­schen aber kie­beln wir
Ver­schie­de­ne Lique­re,
Diver­se Grogs, diver­se Bier,
Dann sin­gen die Tenö­re.

Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!
Wenn die Brü­der dann bene­belt
Und des mor­gens so halb vier,
Bringt der gan­ze Schwarm nach Haus mich,
Und fidel dann sin­gen wir:
Platz da, jetzt kommt Gre­te,
Die ver­dreh­te, klei­ne Krö­te,
Alle Män­ner ham­peln, jam­peln blos nach ihr!

Abbil­dung 2: Mar­ga­re­te Wie­de­cke

2.3. Im Kaba­rett

Clai­re Wal­d­off brach­te schließ­lich den Witz der Hin­ter­hö­fe auf die Kaba­rett­büh­ne, wo volks­tüm­li­che Cou­plets in Ber­li­ner Mund­art bis dahin nicht üblich waren. Sie ver­band ein­gän­gi­ge Melo­di­en und volks­lied­haf­te Into­na­ti­on mit der Phra­sie­rung und der Arti­ku­la­ti­on des Kaba­rett-Chan­sons. Ihr sozia­ler Anspruch misch­te sich mit einem Humor, durch den sie über gesell­schaft­li­che und loka­le Gren­zen hin­aus popu­lär wur­de.

Clai­re Wal­d­off wur­de 1884 im Ruhr­ge­biet als sieb­tes Kind einer Gast­wirts­fa­mi­lie gebo­ren und ist mit dem Varie­té­be­trieb im Haus auf­ge­wach­sen.8) Zu ihrer Begeis­te­rung für das Thea­ter kam schon früh der Ehr­geiz sich wei­ter­zu­bil­den. Sie nahm Kla­vier­stun­den und besuch­te die ers­ten Gym­na­si­al­kur­se für Mäd­chen. Da sie sich ein Stu­di­um nicht leis­ten konn­te, trat sie als Sou­bret­te und Schau­spie­le­rin an klei­nen Pro­vinz­thea­tern auf.

1906 ging sie nach Ber­lin, wo sie sich nach klei­ne­ren Rol­len in Volks­stü­cken beim Kaba­rett „Roland von Ber­lin“ bewarb. Dort ent­stand eine frucht­ba­re Zusam­menarbeit mit dem Kom­po­nis­ten Wal­ter Kol­lo, der auch als Pia­nist in der Hasen­hei­de auf­ge­tre­ten ist.9) Einem grö­ße­ren Publi­kum wur­de sie 1910 durch Auf­trit­te im volks­tüm­li­chen Lin­den-Caba­rett bekannt. Spä­ter folg­ten Enga­ge­ments an ver­schie­de­nen Varie­té-Thea­tern und beim neu­en Mas­sen­me­di­um Rund­funk. Clai­re Wal­d­off avan­cier­te zum Schall­plat­ten­star und zum Ber­li­ner Ori­gi­nal.

Den­noch bewahr­te sich die Künst­le­rin eine gewis­se Boden­stän­dig­keit. Sie trat bei Kon­zer­ten für Arbeits­lo­se auf und bei Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen für Kin­der. In ihren Memoi­ren schrieb sie: „Ich bin und blei­be halt eine Volks­sän­ge­rin. Das ist mei­ne Mis­si­on, und die neh­me ich durch­aus ernst. Sehen Sie: Wenn ich mich heu­te in gro­ßer Auf­ma­chung auf die Büh­ne stell­te und fein­ge­drech­sel­te Chan­sons sän­ge, dann wür­den […] viel­leicht vie­le Leu­te sagen: ‚Die hat gut sin­gen! Aber das Leben sieht anders aus!’ Ich will aber gera­de vom Leben sin­gen, vom Vol­ke und für das Volk, von der Zeit und ihren Nöten“.10)

Clai­re Wal­d­offs Reper­toire umfass­te Ber­li­ner Lie­der aller Art – von Volks­lie­dern und Gas­sen­hau­ern über Cou­plets bis zu Ope­ret­ten­schla­gern. Sie hat nur weni­ge Lie­der selbst geschrie­ben, wie z.B. Wer schmeißt denn da mit Lehm, das sei­ner­seits zum Gas­sen­hau­er wur­de. Aber vie­le Lie­der wur­den eigens für sie geschrie­ben. Sie ver­gab auch Auf­trä­ge und soll sich oft an der Arbeit betei­ligt haben. Zu ihren Kom­po­nis­ten gehör­ten Lud­wig Men­dels­sohn, Rudolf Nel­son, Fried­rich Hol­la­en­der, Hans May, Otto Stran­sky und Claus Clau­berg.

Da Clai­re Wal­d­off mit ihren Lie­dern, ihren Auf­trit­ten in Hosen und ihrer les­bi­schen Bezie­hung nicht dem von den Natio­nal­so­zia­lis­ten pro­pa­gier­ten Frau­en­typ ent­sprach, wur­de sie 1933 für Rund­funk und Film gesperrt und bekam immer weni­ger Enga­ge­ments. 1939 zog sie sich in ihr Haus in Bay­risch Gmain zurück. Ihre letz­ten Jah­re waren durch Krank­heit und mate­ri­el­le Not geprägt.

Anläss­lich ihres 70. Geburts­tags gewähr­te ihr der West­ber­li­ner Senat 1954 150 Mark Ehren­sold monat­lich. Sie starb 1957. In den 1980er Jah­ren wur­de Clai­re Wal­d­off wie­der­ent­deckt. Seit­dem wer­den gele­gent­lich eini­ge ihrer Lie­der bei Aben­den mit Lie­dern aus den 1920er Jah­ren auf­ge­führt und in eini­ge klei­ne zeit­ge­nös­si­sche Thea­ter­pro­jek­te auf­ge­nom­men. Dabei wird auch das fol­gen­de Lied gern aus­ge­wählt. Der Text wur­de von Juli­us Arendt ver­fasst und von Paul Stras­ser ver­tont:11)

Wegen Emil sei­ne unanständ’ge Lust

Mein Emil der meckert mir so bre­gen­klöt­rich an.
Mein Emil der hat kee­ne Scham.
Mein Emil der sagt mir: “Du, ick bin doch nu dein
Mann und ick möch­te von die Ehe ooch wat ham. Ick
möch­te dir hüb­scher und nied­li­cher,
mit eenem Wort appe­tit­li­cher.
Dann wür­de ick mir viel mehr amü­si­ern.
Jeh zum Dok­tor”, sagt er, “lass dir ope­ri­ern”.

Ick lass ma nich die Nee­se ver­pat­zen
wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Ick lass ma nich det Fett aus de Ober­schen­kel
krat­zen wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Wie ick bin hat ja der Emil schon immer
jewusst. Ja, da hätt er mir eben nich neh­men
jemusst. Ick las­se kee­nen Dok­tor ran an mei­ne
Brust wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.

Die Emma von Mei­ers jing bei Dok­tor
Veil­chen­feld und ließ sich auf hübsch ope­ri­ern.
Die duss­li­che Emma jab’m Veil­chen­feld ihr Jeld
und nu glaubt se kann se jeden Mann ver­führn.
Man hat ihr ver­manscht in de Cha­rité. Se war
schon mies aber nu erst — nee!
Nu hat se’n Bauch wie’n Kerl
und’n Podex wie’n sech­zehn­jähr­jet Girl.

Ick lass ma nich die Nee­se ver­pat­zen
wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Ick lass ma nich det Fett aus de Ober­schen­kel
krat­zen wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Wie ick bin hat ja der Emil schon immer jewusst.
Da hätt er mir eben nich neh­men jemusst.
Ick las­se kee­nen Dok­tor ran an mei­ne
Brust wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.

Ick werd doch mein Leben nich bei so’nem Dok­tor jehn.
Ick hab’ für so ’n Blöd­sinn keen Jeld.
Ick denk nur immer nach und ick kan­net nich ver­stehn,
det die Män­ner so’n ver­mansch­tet Ding jefällt.
Aus Lie­be ans Mes­ser — da lach ick nur!
Ein richt­ja Mann sagt: “Ick will Natur”.
Und macht’a nich von sel­ba hm tam tam,
hilft ihm ooch die neue Brust nich uff’n Damm.

Also ick lass ma nich die Nee­se ver­pat­zen
wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Ick lass ma nich det Fett aus de Ober­schen­kel
krat­zen wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.
Wie ick bin hat ja der Emil schon immer
jewusst. Ja, da hätt er mir eben nich neh­men
jemusst. Ick las­se kee­nen Dok­tor ran an mei­ne
Brust wegen Emil sei­ne unan­ständ­je Lust.

Abbil­dung 3: Clai­re Wal­d­off (Foto: Pri­vat­ar­chiv der Autorin Hel­ga Bemmann)

3. Schluss­wort

Die weni­gen Bei­spie­le zei­gen bereits, dass umfas­sen­de­re Unter­su­chun­gen der volks­tüm­li­chen Ber­li­ner Musik loh­nens­wert wären. Dass die Volks­mu­sik­for­scher bis­her wenig Inter­es­se dafür gezeigt haben, mag dar­an lie­gen, dass es in Ber­lin kei­ne weit zurück­rei­chen­de Folk­lo­re gibt. Erst im 18. Jahr­hun­dert, nach­dem Ber­lin preu­ßi­sche Haupt­stadt gewor­den war, hat sich eine vom Umland geson­der­te, cha­rak­te­ris­ti­sche Volks­kul­tur her­aus­ge­bil­det, in die Ele­men­te aus den Kul­tu­ren zahl­rei­cher Ein­wan­de­rer­grup­pen ein­flos­sen. Es wäre ein inter­es­san­tes Feld für die Musik­eth­no­lo­gie, den Fra­gen nach­zu­ge­hen, was in einer im Ver­gleich zu den meis­ten ande­ren euro­päi­schen Haupt­städ­ten jun­gen Stadt, die stets raschen gesell­schaft­li­chen Wech­seln unter­wor­fen war, die Begrif­fe Tra­di­ti­on und kul­tu­rel­le Iden­ti­tät bedeu­ten – und wel­che Rol­le die Volks­sän­ge­rin­nen dabei spie­len.


1) Die Anga­ben bezie­hen sich auf den der­zei­ti­gen Kennt­nis­stand. Umfang­rei­che­re sys­te­ma­ti­sche Nach­for­schun­gen wur­den noch nicht durch­ge­führt.
2) Ter­git 1931
3) Lin­se­mann, Paul: Die Thea­ter­stadt Ber­lin. 1897, S. 74, zit. Uebel 1985, S. 16
4) Das Geburts­jahr der Har­fen­ju­le und die Schreib­wei­se des Namens Nord­mann vari­ie­ren in der Lite­ra­tur. Sie sind hier ange­ge­ben wie auf dem Gedenk­stein auf dem Luther-Fried­hof in Ber­lin-Lank­witz.

5) Leim­bach 1991
6) Krü­ger / Lotz, Bd. 5. Als Kom­po­nist ist Rein­hold Ehr­ke ange­ge­ben.
7) Akte: LA APr.Br.Rep. 030–05 Nr.: 1634
8) Ihr Geburts­na­me war Cla­ra Wort­mann. Sie wähl­te spä­ter Clai­re Wal­d­off als Künst­ler­na­men.
9) Pacher, S. 90
10) Wal­d­off, Clai­re: Wees­te noch! Aus mei­nen Erin­ne­run­gen, Düs­sel­dorf 1953, S. 107. Zitiert in:
Bemmann, Hel­ga: Clai­re Wal­d­off. Wer schmeisst denn da mit Lehm?
11) Mit­schrift des Tex­tes der Auf­nah­me von der CD Clai­re Wal­d­off. Per­len der Klein­kunst. 48 Schel­lack Rari­tä­ten

Quel­len­ver­zeich­nis

Lite­ra­tur

Bemmann, Hel­ga: Clai­re Wal­d­off. Wer schmeisst denn da mit Lehm?, Frank­furt am Main, Ber­lin 1994.
Krü­ger, Klaus und Lotz, Rai­ner E.: Dis­co­gra­phie der deut­schen Klein­kunst., Bd. 5., Bonn 1998.
Leim­bach, Bert­hold (Hg.): Ton­do­ku­men­te der Klein­kunst und ihre Inter­pre­ten 1898–1945, Göt­tin­gen 1991.
Jan­sen, Wolf­gang und Loren­zen, Rudolf : Pos­sen, Pief­ke und Posau­nen. Som­mer-thea­ter und Gar­ten­kon­zer­te in Ber­lin, Ber­lin 1987.
Pacher, Mau­rus: Sehn Sie, das war Ber­lin. Welt­stadt nach Noten. Ber­lin 2004.
Ter­git, Gabrie­le: Käse­bier erobert den Kur­fürs­ten­damm,. Ber­lin 2004 (Erst­aufl. 1931).
Uebel, Lothar: Viel Ver­gnü­gen. Die Geschich­te der Ver­gnü­gungs­stät­ten rund um den Kreuz­berg und die Hasen­hei­de. Ber­lin 1985.
Uebel, Lothar: Die Neue Welt an der Hasen­hei­de: Über hun­dert Jah­re Ver­gnü­gen und Poli­tik.
Ein Bei­spiel für den Erhalt his­to­ri­scher Bau­sub­stanz im Rah­men der Stadt­sa­nie­rung. Ber­lin 1994.

Abbil­dun­gen

Abbil­dung 1:
Ull­stein-Ver­lag (Pomp­lun).
Abge­druckt in: Hen­se­leit, Felix, Hrsg.: Ber­lin in Dur und Moll. Axel Sprin­ger Ver­lag AG, Ull­stein GmbH, Ber­lin, 1970.

Abbil­dung 2:
Leim­bach, Bert­hold (Hg.): Ton­do­ku­men­te der Klein­kunst und ihre Inter­pre­ten 1898–1945. Göt­tin­gen 1991.
Der Leim­bach-Ver­lag exis­tiert nicht mehr, und es konn­te nie­mand gefun­den wer­den, der einen Anspruch auf das Copy­right nach­wei­sen kann.

Abbil­dung 3:
Bemmann, Hel­ga: Clai­re Wal­d­off. Wer schmeisst denn da mit Lehm?, Frank­furt am Main, Ber­lin 1994.

Lied­tex­te

Platz da, jetzt kommt Gre­te
Abschrift aus einer Akte des Poli­zei-Prä­si­di­ums Char­lot­ten­burg: Lan­des­amt APr.
Br.Rep. 030–05 Nr.: 1634

Wegen Emil sei­ne unanständ’ge Lust
Mit­schrift des Texts der Auf­nah­me von der CD: Clai­re Wal­d­off. Per­len der Klein­kunst. 48 Schel­lack Rari­tä­ten. Mem­bran Music Ltd.


Vom Hin­ter­hof zum Kaba­rett. Ber­li­ner Volks­sän­ge­rin­nen.
Gabrie­le Ber­lin
in: Jahr­buch des Öster­rei­chi­schen Volks­lied­wer­kes, Band 60.
Mil­le Tre Ver­lag 
Wien, 2011